Tag 5. Ich habe Angst….


Ich habe ein Angst.

Wenn es einem, wie es mir ergangen ist, immer nur schlecht ging – zumindest für eine lange Zeit -, ist es schwierig sich damit zu arrangieren das es wieder läuft. Die Kraft die man hat, die Freude, auch maßvoll einzusetzen ist dann nicht leicht, wenn man beides vorher nur beschränkt zur Verfügung hatte. Da galt es jede Reserve zu nutzen, denn man wusste ja nicht wann Nachschub kam.

Im Prinzip ist es schon mein ganzes Leben so. Stets musste ich darauf achten wie mein Umfeld gerade auf mich reagiert. Überspanne ich gerade wieder einen Bogen? Bin ich zu laut? Nerve ich? Sitz still! Klacker nicht mit dem Stift! Halt die Füße still!

So sah es aus in meinem Kopf wenn ich unter Leuten war. Die oberste Grundaufgabe war es darauf bedacht zu sein nicht schon wieder an zu Ecken. Das ist ein eigentlich ein harter Fulltimejob. Weil es aber nichts nützt immer nur darauf zu achten, dass man sich benimmt muss man auch sein Gegenüber schon mal darauf einstimmen, dass dieses auch ja einen guten Eindruck hat. Dadurch sind dann jenen Tür und Tor geöffnet, die so etwas für sich zu nutzen wissen. Jeder der einen um einen Gefallen bittet wird zum persönlichen Helden stilisiert, denn schließlich ist helfen liebe. Wer bittet schon jemanden um Hilfe den er nicht mag? Wenn man hilft, wird einem schon der eine oder anderen Fehltritt vergeben. Die zweite Grundaufgabe.

So ist allein schon die Existenz in der Gesellschaft anstrengend, für mich, noch im besonderen Maße, da ich nicht weiß wie ruhig normal ruhig ist. Was ist normal fröhlich sein und ab wann ist man albern? Was ist eine hörbare, was eine durchdringende und was eine zu laute Unterhaltung? So kam es denn, dass ich nicht mehr konnte, denn zu diesen Grundaufgaben kamen ja noch die anderen, Beruf, Studium, Haushalt…. was auch immer. Unter Leuten ist das noch schlimmer, fühlt man sich die ganze Zeit doch taxiert und gehetzt. So ist es nur logisch und konsequent, dass man nicht mehr unter Leute geht. Diese scheinbare Erleichterung gab mir aber jeden Tag mehr das Gefühl versagt zu haben. Freunde wenden sich ab oder Kontakt schläft ein, die Menschen die einem nahe stehen sorgen sich, was einen dann in tiefere Schuldgefühle versinken lässt. Das geht solange bis man eines Tages merkt das man auf der Couch sitzt und die Wand anstarrt, nicht in der Lage auch nur das Geschirr in den Geschirrspüler zu räumen. Die Kraftreserven, die man eigentlich im Leben hätte anlegen müssen um eine solche Krise zu überstehen konnte man nie anlegen, weil sämtliche Maschinen immer auf 120% laufen mussten, wollte man 100% geben. Diagnose Psychovegetativer Erschöpfungszustand, neudeutsch: Burnout.

Man muss sich, allerspätestens ab hier, Ruhe gönnen. Was so trivial klingt ist bei heißgelaufenem Motor eine echte Herausforderung.

Der will sich nämlich immer weiter drehen. Abschalten ist nicht möglich und bei jeder neuen Herausforderung ist er schneller wieder hochgefahren als, das er hinterher wieder runterschaltet. Ich hatte Glück und konnte mir diese Ruhe gönnen, nachdem es eigentlich schon zu spät war. Ich hatte Zeit mich darauf zu konzentrieren, mir selber zu sagen: „Du darfst ruhig auch mal nichts tun!“ Das hat immerhin mehrere Monate gedauert und fällt mir immer noch schwer. Schließlich hat man ja sein ganzes Leben lang gehört man sei faul, unzuverlässig und störe. Zusammen mit dem Methylphenidat fühle ich mich heute in die Lage versetzt wieder etwas mehr zu leisten als auf der Couch sitzend die Wand zu studieren.

Und hier beginnt genau meine Angst: Kann ich das kontrollieren? Der wenige Schlaf hat mich ja nicht aus der Bahn geworfen, er hat mich angestachelt. Immer weiter wollte ich gehen. Hier noch eine Aufgabe da noch etwas erledigen. Machen, so lange es geht. In diesen 5 Tagen mit dem chemischen Helfer hatte ich wieder genug Kraft genau da weiter zu machen wo ich vorher war, 120% zu geben. Dieselben Fehler, die mich so viel Zeit gekostet haben zu wiederholen. Selbstregulation war gleich Null.

Immerhin hatte ich gute Laune. Ich hatte den ersten Tag seit sehr langer Zeit wo ich über die Nulllinie der depressiven Verstimmung hinausgekommen bin. Was für einen „normalen Menschen allenfalls ein Tag gewesen wäre, von dem er sagen könnte, dass er gut drauf sei, fühlte sich für mich an wie Euphorie. Doch was wenn ich das nur wegen des Medikaments war? Was wenn ich jetzt dem verlangen nach mehr Glück nachgebe? Das kann nur in der in der Katastrophe enden. Als ich meine Wüstental durchschritt konnte ich diese Linie immer nur von unten sehen. Ein Tag der nicht von Tränen geprägt war, war ein guter Tag. Jetzt weiß ich nichtmal mehr wie es sich anfühlt wie es ist nicht nur nicht traurig zu sein, sondern fröhlich.

Das ist meine Angst. Die Angst davor, mich zu freuen.

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