Tag 6. Die Akzeptanz von ADHS….


Die Akzeptanz von Adhs…. Ich habe gestern jemanden kennengelernt und mich sehr lange mit diesem Menschen unterhalten. Es war ein Gespräch wie ich es früher einmal, bevor ich meine Selbstsicherheit verlor, des Öfteren geführt habe. In den letzten Jahren, vor allem dem letzten Jahr kam das eigentlich gar nicht mehr vor.

Er erzählte mir unter anderem von seinem Sohn, der ein – nett ausgedrückt – sehr ruheloser Geist ist und der wie getrieben durch die Welt geht. Immer auf der Suche nach dem schnellen Kick, immer wieder neues, meist Blödsinn, im Kopf. Dieser 16 Jährige ist schon stadtbekannt, und das nicht in den besten Kreisen oder in a good way.

Nun habe ich, so glaube ich, festgestellt, dass man gerne, wenn man eine psychische Krankheit diagnostiziert bekommen hat diese auf sein Umfeld überträgt. Jeder der einem aus seinem Leben erzählt wird direkt in die eigene psychische Schublade gesteckt. Das ist naheliegend, denn das schafft Gemeinsamkeit und man ist ja eh auf der Suche nach Normalität. Diese wird dann eben dadurch geschaffen, dass man sein Umfeld beginnt um zu Kategorisieren, nach dem eigenen Bild. So wird aus einer vielleicht intelektuellen Nachdenklichkeit schnell die Grübelei der Depression, aus einem schlecht erzogenem Kind ein ADHSler, und jemand der gerne und risikoreich, vielleicht sogar erfolgreich lebt wahlweise ein Borderliner oder Maniker kurz vor dem Burn out. Diese Erfahrung habe ich gemacht als meine Frau in der Tagesklinik war. Unsere Wohnung wurde schnell eine Zulaufstelle für die „Verrückten“, wie ich sie liebevoll nannte, die sich in unserem gastfreundlichem Haushalt durchaus wohlfühlten, für die Wochen, die sie in der Klinik waren. Natürlich ergaben sich zahlreiche Gespräche, denn der Aufenthalt in einer Klinik löst einem die Zunge besser als so manches Glas Wein. Nach dem Motto: wenn ich einmal dabei bin z.B. in der Gruppentherapie allen alles zu erzählen, warum sollte ich das dann in meiner Freizeit lassen? So bekam ich im Laufe der Zeit sehr viel über mich zu hören. Sämtliche Diagnosen wurden auf mich gespiegelt. Da muss man erst einmal lernen sich gegen zu wehren, sonst hat man, wenn man für so etwas empfänglich ist, hinterher bestimmt genau ALLE diese Symptome. Gleichzeitig. Selbst die, die sich eigentlich ausschließen.

Ich wollte nach Erhalt meiner Diagnose genau das nicht. ICH muss mit MEINER Diagnose Leben und mein gegenüber kann allenfalls an der Erfahrung die ich gemacht teilhaben, davon hören. Machen muss er sie selber, oder besser noch ganz eigene. Was hat das alles aber mit der Akzeptanz gegenüber ADHS zu tun? Nun, warum muss ich das alles machen, wenn die meisten Menschen nicht dazu bereit sind? Seit meinem Verdacht bin ich gezwungen mich damit auseinander zu setzen was andere für Erfahrungen gemacht haben, für Meinungen zum Hyperkinetischen Syndrom haben. Es schlagen einem so viele Wellen entgegen…. Von Ängstlich zögernd, über vorwurfsvoll, bis ablehnend.

Ich rede also mit diesem Vater der diesen Sohn hat mit diesem speziellen Lebenswandel. Da ich ja eben nicht jemandem diesen Stempel meiner Krankheit aufdrücken will, da ich ja eben meine Erfahrung mitteilen und nicht aufdrücken will empfahl ich – sehr vorsichtig – ihn doch einmal testen zu lassen. Ein renitenter Jugendlicher ist zwar nichts ungewöhnliches, doch entdeckt man nicht die Ursachen für ein selbstschädigendes Verhalten, welcher Art auch immer, steckt die Konsequenz ja schon im Verdacht: man schädigt sich selbst.

Hilfsbereit und eventuell auch vorpreschend wie ich nun so bin bot ich mich an, Adressen zu vermitteln, Hilfestellung zu leisten. Ich habe in der Zeit in der ich meinen Verdacht hege schon einige Vorurteile kennengelernt, ja sogar Anfeindungen erlebt. Aber noch nie habe ich gehört: „ Ne, ne so watt hat mein Junge nich‘. Der is‘ normal.“

In diesem Satz zeigen sich drei Dinge, die für mich sehr verletzend waren. Das erste ist die Geschichte meines Lebens, die mich immer hat denken lassen ich sei nicht „normal“, ein Störenfried und Unruhestifter. Das zweite ist die Unkenntnis und Intoleranz der Menschen. Da kann es noch dutzende Fußballer oder Fußballmanager geben, die sich offen zu ihrer Psyche bekennen, oder die sich leider sogar etwas antun. Das einzige was folgen wird sind Lippenbekenntnisse. Mehr kann man leider wohl nicht erwarten. Das dritte ist die eigene Erfahrung, wie es ist ohne Hilfe mit all dem Umgehen zu müssen. Zu beobachten wie es ist, dass einem das eigene Leben aus den Fugen gerät, die eigene Frau auszieht und nicht zu wissen warum. Bei dieser Wut in meinem Bauch half mir auch das Medikinet nicht.

Ich wollte mich nie in diesem Trott eingliedern, der mich im Selbstmitleid zerfließen lässt. Oder wie meine Psychiaterin es ausdrückte: „ Sie dürfen nicht glauben, dass sie jetzt so weitermachen können und für alles die Ausrede verwenden, das man eh nichts dazu kann, man habe ja ADHS.“ Ich will ja gerade an mir arbeiten. Ich will ja nicht so weitermachen, will ja nicht mich damit abfinden wie es ist, sondern mit der Diagnose genau schauen, was kann ich tun damit es mir besser geht. Ich halte das für den einzigen Weg zu einem zufriedenem Leben. Aber das geht eben nur wenn man genau weiß was die EIGENEN Hemmnisse sind, im meinem Fall eben der gestörte Stoffwechsel im Frontallappen, die Reizfilterschwäche. Was einem im Weg steht ist dann nicht mehr man selber, oder eine Krankheit, sondern ab hier sind es, wenn man das zulässt, die anderen.

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