Tag 38 … Alles eine Frage der Einstellung.


… Alles eine Frage der Einstellung.

Es ist ja mein erster Eintrag seit längerem. In der Zwischenzeit ist eine Menge passiert, das ich im Detail verheimlichen will. Die Einstellung auf die Medikamente ist im vollen Gange mit den dazugehörigen „Aufs“ und den schlimmeren und einprägsameren „Abs“ und ich habe festegestellt das wirklich ALLES eine Frage der Einstellung ist, wenn mir dieses Wortspiel gestattet sei. Am Tag zeigen die Medis mitlerweile eine gute Wirkung, bis diese dann nachlässt, was sich, wie folgt, äussert.

Ich merke, dass ich am Abend sehr aufgedreht werde. Es steigert sich langsam und wächst bis zu dem Punkt an, an dem ich merke, dass die Ruhe und die Konzentration weg sind. Keine Ahnung ob die ohne mich Feiern gegangen sind, oder schon „pennen“.

Wie eine Katze, die sich an ihre Beute anschleicht, kommt der Rebound immer näher und ist dann da. Ich wusste die ganze Zeit schon dass etwas auf mich lauert, bemerke es aber erst wenn es sich auf mich stürzt, klar meine Reizfilterschwäche, die mich sonst wirklich alles wahrnehmen lies ist ja ausgeknockt. Vielleicht sind meine Motivation und Konzentration einfach schlauer als ich und verkrümeln sich rechtzeitig vor dem Angriff. Als Filter bekommen die ja noch alles mit. Es bedarf da wohl noch der Feineinstellung, was sie durchlassen sollen und was nicht, sprich: ich muss lernen auf gewisse Dinge selber zu achten. Aber das wird schon.

Das Nachlassen der Wirkung meiner Medikamente kann sich, wie ich beobachte, auf zweierlei Art äussern. Bei der 1. Variante bin ich regelrecht albern und rede (oder schreibe) Quatsch. Wörter fallen mir nicht mehr ein. Buchstaben werden verdreht. Es mangelt mir sozusagen an Ernsthaftigkeit, bis ich auf etwas interessantes Stoße. (Gruß an „meine“ Chatter hier, die das oft ertragen müssen und das auch tun.  Ich danke euch dafür).

Wenn ich in „Gesellschaft“ bin, „gelingt“ es mir aber meistens mich soweit zusammenzureißen — wie das wohl ein aussenstehender Mensch, mit einer sogenannten guten Erziehung und ohne ADHS sagen würde —  dass ich in alte Verhaltensmuster zurückfalle und mich in mich zurückziehe. Äusserlich bin ich dann (oft) still, aber innerlich unruhig und insgesamt traurig, weil ich mehr damit beschäftigt bin auf mich als auf andere oder das Geschehen zu achten, natürlich verpasse ich dann nur das Relevante.

Begeisterungsfähigkeit, sowohl aktiv, als auch passiv, sind dann keines meiner Attribute mehr. Und das mir, der ich früher für jede Schandtat bereit, jeden Spass zu haben und der Spontanität ein wandelndes Bildnis war.

Mir nahestehende Menschen kamen damit oft schlechter zurecht als ich, sogar soweit, dass sie sich von mir abwendeten. Wenn ich eine Phase hatte in der ich mehr in mir, als in der Welt war, waren „Miesmuffel“, „Grantler“ oder „Langweiler“ die harmlosen Ausdrücke. Und diese Phasen waren meist dann am schlimmsten wenn ich ohnehin schon genug am Hals, genug Probleme und Sorgen hatte. „Wo ist denn deine Lebensfreude“, „du bist gar nicht mehr du, früher warst du aber lustiger“, „ich mach mir Sorgen um dich“, waren die gut gemeinten. Doch weil das Kind von Gut Gemeint ja bekanntlich … nennen wir es dem Jugendschutz zuliebe Stuhlgang …. ist, waren diese Sorgen nur ein Grund mehr, mich in mich zu verkriechen, bis das nicht mehr ausreichte und ich mich auch noch vor der Welt verkroch. Schließlich waren diese Sorgen ja nichts anderes als eine Fortsetzung der Kritik an mir und meiner Art, nur unter anderen Vorzeichen. Hyperaktiv darf ich nicht sein. Aber wehe ich werde still, das darf ich wohl noch weniger.

„Lass den Arsch, der ist eh gegen alles“. „Lass dich von dem nicht runter ziehen“. „Miesmacher“. „Schlechte Laune Verbreiter“. Das waren die Ausdrücke, die wirklich weh taten. Spiegeln sie doch boshaft wieder was ich mir die ganze Zeit mühsam antrainiert hatte. Antrainiert weil ich vorher in Pfützen gesprungen bin und dabei andere Nass wurden und sich massiv über mich aufregten. Antrainiert, weil ich ungeschickt Gläser umstieß wenn ich einen spontanen Einfall hatte, den ich noch spontaner ausführen wollte. Antrainiert, weil ich redete ohne Punkt und Komma. Diese Vorwürfe von sogenannten Freunden traf dann mein Bedürfnis nach anderen Menschen, nach „Normalen“, fast tödlich. Zumindest liegt es nun im Koma.

Das ich, wenn ich den ersten müden Punkt überwunden habe nochmal so richtig aufdrehe kenne ich noch von früher, als ich Kind und Jugendlicher war. Nur jetzt, mit 30 Jahren, äussert sich das eben meist anders. Aber seit der Diagnose versuche ich das zu vermeiden. Dann bin ich halt zappelig und rede wild. Es gibt schlimmere Eigenschaften, sage ich mir und wo es unangemessen ist kann ich dann irgendwann auch wieder „erwachsen sein“ spielen.

Die 2. Variante reist mich in den Keller. Seitdem weiß ich, dass auch Männer weinerlich seien können. Bei Filmen, Gedanken oder anderen Triggern kullert dann schonmal ein Tränchen aus dem scheinbaren nichts – also eigentlich aus den Augen, aber ihr wisst bestimmt was ich meine. Ich Verfalle in eine traurige Stimmung und in Grübeleien. Die Last der Welt liegt wieder auf meinen Schultern, die, in meinem Gefühl immer schmaler werden und immer unwürdiger, die Welt zu tragen.

Da meine Tage aber gut sind kann ich die Abende besser ertragen und mir immer besser den Weg aus diesen Stimmungen weisen.

Und sonst? Im Moment bin ich ja noch in der Einstellungsphase. Eine Zeit, die von jedem Patienten, meiner Meinung nach eine Menge Geduld erfordert. Mißstände müssen einfach auch mal ertragen werden. Nebenwirkungen, solange sie nicht bedrohlich sind, ausgesessen werden. Wichtig ist es hier nicht sofort die Flinte ins Korn zu werfen, solange man einen insgesamten Aufwärtstrend sieht.

Ein Beispiel? Ich hatte vor kurzem eine Dosierung, die mich so aus allen Bahnen geworfen hatte, dass ich nicht mehr weiter wusste. Aber nach Beruhigung meiner Seele und einer wirklich kleinen Umstellung – die Dosis-Größen vom Morgen und Mittag wurden einfach ausgetauscht – war es besser als je zuvor. Auch wenn meine Medikamente keinen Wirkspiegel aufbauen müssen, so hinkt die Seele doch den einen oder anderen Schritt hinterher. Und der muss man durch Geduld Zeit geben, damit sie Aufholen kann. Rücksicht ist hier wichtig, denn immerhin ist sie ja noch krank.

Die Medikamente hören so gegen 20.00 Uhr auf zu wirken, je nachdem wann ich Mittags die letzte Einnahme hatte. Abends schlafe ich sehr schlecht ein, grübel oder versuche eine Einschlafposition zu finden wenn man noch so nennen kann. Mitschläfer könnten dann denken ich wolle versuchen im Liegen zu tanzen. Und nein, es ist kein Kuschelblues, sondern eher so was wie Ausdruckstanz zu Heavy Metal.
Aber am Tag bin ich einfach nur sehr dankbar für die positive Wirkung der Medikamente und das ich sie so gut vertrage.

Bei meinem nächsten Termin mit dem (dann neuen) Psychiater werde ich mal besprechen ob das sinnvoll wäre, was meine „alte“ Psychiaterin vorgeschlagen hatte, am Nachmittag nochmal nach zu dosieren, damit ich nicht immer so lange wach liege.

Das passiert nicht, wenn ich den Tag über so „fleißig“ war das ich wie ein Stein ins Bett falle. Das ist der Burnout Patient in mir, der immer noch getrieben ist. Ich hasse eigentlich diesen ach so griffigen Begriff, aber dann weiß jedenfalls jeder was gemeint ist. Meine richtige Diagnose klingt nämlich viel poetischer: Psychovegetatives Erschöpfungssyndrom und ist weder reißerisch noch verharmlosend.

Jedenfalls sagt dieser Teil von mir: „Jetzt geht es ja wieder ein bisschen also los „maloch“ bis du umfällst!“ Um das zu verhindern habe ich mir jetzt einen Wochenplan erstellt. Denn ich weiß ja das ich eine Abneigung gegen Pläne habe, so dass ich viel weniger mache. Er ist mittlerweile so gut eingestellt, um beim Thema zu bleiben, dass sich Arbeitspensum, Leistungsfähigkeit und Prokrastination so die Waage halten, dass sie in Produktivität umgewandelt werden.

Es geht also insgesamt nach oben. Und das merke ich mir für die Phasen wo ich mal ganz weit unten bin.

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